HändelEinführung

HändelEinführung

In einem überragt Händel alle anderen Meister der europäischen Musikgeschichte: er hat seine großen Werke ganz bewußt für eine möglichst breite Hörerschicht geschrieben und dennoch nichts von seiner starken, herrischen Persönlichkeit preisgegeben. Wenn das Wesen echter Musikkultur darin besteht, daß ein in der Gemeinschaft verwurzelter Meister das allgemeine Denken und Empfinden, das Lebensgefühl und Schicksalsbewußtsein aller Menschen seiner Umwelt künstlerisch gestaltet und das von der Gemeinschaft Empfangene in klarer, das Wesentliche herausarbeitender Form an eben diese Gemeinschaft zurückgibt, allverständlich und zugleich den strengsten künstlerischen Maßstäben verpflichtet, so ist Handels Werk das stärkste Zeugnis einer tönenden Kultur, das wir besitzen. Es gibt kunstvollere, mehr in die Tiefe gehende Tonschöpfungen als die Händels, doch der Ausgleich zwischen Schaffendem und Aufnehmendem, zwischen hoher Einzelkunst und breiter Gesamtwirkung ist nirgends so großartig vollzogen wie bei diesem Meister.

Mannigfaltig sind die von Händel angewendeten Mittel, durch die solches erreicht wird, und sie alle entstammen doch wieder einem einzigen Urgrund: der Überfülle. Denn Händel wuchert nicht und geizt nicht mit seinem Pfunde, er verschenkt, verströmt, verschwendet, kann auch so verschwenderisch sein, weil er stets ins volle Menschenleben greift und mit sicherer Hand das Ergriffene zu gestalten weiß. So sind seine Themen stets musikgewordene Gedanken seiner Zeit, bald mehr und bald weniger gewichtig, wie es in jeder Zeit liegt, stets aber wirkliche Gedanken. Sie in Töne umzugießen, bedient sich Händel vor allem der Bewegung mit all ihren Spannungen und Lösungen, gegliedert durch klare, folgerichtige Harmonien. Händels tönende Bewegung ist willensbetont, daher die Spannkraft seiner Rhythmen; Händels Gedanken richten sich auf den Kern, daher die knappe Fassung seiner Themen. Der Fülle - mancher meint: der Wahllosigkeit - der Einfälle entspricht die Vielfalt der verwendeten Formen, die scheinbare Unausgewogenheit der Sätze in manchen Großwerken; der angestrebten Allgemeinverständlichkeit steht die durchsichtige Stimmführung zur Seite (etwa Fugen mit nur zwei Stimmen, obwohl Händel höchst verwickelte, vielstimmige Fugen zu schreiben vermag). Einzelheiten entnehme man den folgenden Werkbesprechungen; als Ganzes aber sei festgehalten, daß Händel sich stets seiner menschlichen Aufgabe, allen verständlich zu sein, nicht minder bewußt ist als seiner unabdingbaren Verpflichtung, den strengen Gesetzen der Kunst selbst gerecht zu werden.